Fusina - Fähre

Fähre

Als ich vollkommen unverständlicherweise um 7:00 aufwache, ist Julia schon (oder besser noch) munter. Sie hat mit Jakobs Kopf auf dem Schoß in diesen Sesseln, die ganz offensichtlich irgendwann in den frühen 80er-Jahren aus ausrangierten Flugzeugen gerissen wurden, kaum schlafen können. Aber nachdem auf der Fähre griechische Zeit gilt, hat wenigstens das Cafe an Deck bereits geöffnet und wir investieren erstmal den Gegenwert eines kleineren Gebrauchtwagens in 2 Cappucino und ein Croissant. Zumindest ist das Wetter blendend, die See ruhig, und der Ausblick traumhaft.

Blick zurück in Müdigkeit
Blick zurück in Müdigkeit

Aber im Lauf des Vormittags wird uns klar, dass das wohl eine harte Überfahrt wird. Jakob hat natürlich zu wenig geschlafen und ist viel zu aufgeregt den fehlenden Schlaf nachzuholen. Der Effekt ist ein reichlich überdrehter und nahe am Wasser gebauter 3jähriger, dem wir nur unzureichend die Ruhe, die er eigentlich jetzt bräuchte, bieten können. Überall sind Leute  - auch wenn das Schiff beinahe leer ist (und ich mich schon beginne zu fragen, wie man so wirtschaftlich arbeiten kann), die Freizeitangebote an Bord (wie Schwimmbecken, Spielhalle,...) richten sich dann doch an etwas ältere Kinder. Außerhalb des Windschutzes der Bar kann man sich kaum aufhalten (zumindest wenn man unter 30 kg hat) da dort eine steife Brise weht und unter Deck ist es zwar windstill, aber heruntergekühlt wie in einem Eiskasten! Zudem sperren sämtliche Restaurants an Bord vollkommen unmotiviert die ganze Zeit auf und zu und die Preise dort würden ohnehin selbst einem Venediger Nobelrestaurant die Schamesröte ins Gesicht treiben. Dumm,  das wir etwas blauäugig kaum essen eingepackt haben. Ganz im Gegensatz zu den Profi-Fährenreisenden. Die haben nicht nur Essen mit, die hängen auch ihre motoraufgeblasenen Luftbetten an jede Steckdose derer sie habhaft werden können, bauen Strandmuscheln und kleine Zelte an Deck auf  und einer macht sich im Gang in der Früh sogar seinen Kaffee am Gaskocher. Keine falsche Scham mehr – nächstes Mal nehmen wir unser altes Hauszelt mit und bauen uns an Deck eine Außenkabine mit Meerblick! Aber diesmal müssen wir die Zähne zusammenbeißen (nicht nur Jakob hat viel zu wenig geschlafen) und durchhalten.

Ancona
Ancona

Am späten Vormittag erscheinen dann plötzlich Zettel an der Tür zu unserem Raum mit den Pullmann-Sitzen, die ihn als reserviert auszeichnen, was wir aber natürlich völlig ignorieren. Als das Schiff aber gegen Mittag in Ancona anlegt, wird aus der fast leeren Fähre binnen zwei Stunden das schwimmende Pendant zu Honkongs „Walled City“, und die Reservierung entpuppt sich als für kreischende italienische Teenager-Mädchen auf Maturareise Richtung Korfu. Wir räumen freiwillig das Feld...

idyllischer Schlaftplatz
idyllischer Schlaftplatz

Zum Glück findet sich nach kurzer Suche etwas weiter hinten im Schiff noch ein weiterer, kleinerer Raum mit Pullmann-Sitzen, in dem sich vor allem Erwachsene befinden, und dahinter – ganz versteckt – noch ein Ausgang auf einen kleinen Balkon nach achtern, der bislang noch ziemlich unentdeckt ist. Also zumindest besteht die Aussicht auf einen ruhigen, windstillen Outdoor-Schlafplatz.

Beim Auslaufen aus Ancona zeigt Jakob nur sehr beschränktes Verständnis dafür, dass wir immer noch an Bord sind und ich kann es ihm nicht verdenken. Was bei uns die Zentralmatura ist, ist in Italien offenbar die Zentralmaturareise. Zumindest mutet es so an als wären gerade alle Maturanten des Landes zugleich an Bord gegangen. Pünktlich zur unerwarteten Eröffnung des Self-Service-Restaurants, holen wir uns nach einer recht langen Warteschlange Spaghetti und ein Kalb mit Pommes – gerade noch rechtzeitig wie es scheint. Zum einen ist Jakobs Zurechnungsfähigkeit bereits soweit abgesunken, dass er ziemlich ungehalten wird, als wir ihm untersagen eine zweite Zitrone über seine Spaghetti Bolognese auszudrücken, und zweitens reicht die Schlange vor dem Restaurant ein paar Minuten später bis fast nach Patras.

Nachdem Julia meinem Platz im Freien nicht ganz so traut, und wir auch nur eine Iso-Matte haben, teilen wir uns heute Nacht auf. Julia schläft mit Jakob auf einer heroisch reservierten 3er-Reihe Pullmann-Sitze, und ich bekomme Iso-Matte und Schlafsack, und gehe ins Freie. Leider zerschellt der wohldurchdachte Plan an den Klippen einer oft harten Realität. Jakob kann nach viel Mühe einschlafen (wenigstens einer schläft mal), verbraucht dafür aber 2 der 3 Sitze. Julia legt sich also ohne Matte auf den Boden davor, und ich scheitere an meinem genialen Plan. Nicht nur gehen viel zu viele Leute auf meinen Balkon „noch schnell mal eine Rauchen“, das Getöse der Jetantriebe ist hier sogar für jemanden zu laut der sich eigentlich rühmt in altvorderen Zeiten in(!) den Bassrutschen des alten U4 himmlisch geschlafen zu haben. Also wird umdisponiert: Julia bekommt die Iso-Matte, und ich nehme den letzten Sessel und versuche im sitzen zu schlafen – mit einer Investition von etwa 7€ an der Deckbar (= 2 Bier) sollte das eigentlich machbar sein.

Aber schon der Weg an Deck gestalte sich abenteuerlich. Die Treppe nach oben mutet an wie ein Realität gewordenes Szenenbild aus Soylent Green. Überall liegen oder sitzen Leute, und fast jeder Zentimeter ist mit Luftmatratzen, Schlafsäcken, Feldbetten und Strandmuscheln verbaut.

An Deck  (vor allem bei der Bar, aber eigentlich überall anders auch) ist natürlich eine ziemlich wüste Party im Gange. Die Teenager sind laut, lustig und besoffen, das Bordpersonal an der Grenze der Belastung, und ich bin ehrlich erstaunt, dass noch keiner versucht hat ein Rettungsboot für eine kleine Spritztour zu Wasser zu lassen. Sogar die Busfahrer der Maturanten sind bei ihrer zweiten Flasche Wodka – das ist natürlich auch eine Möglichkeit der Akademikerschwemme entgegenzuwirken.

der 1. schläft!
der 1. schläft!

Nach zwei schnellen Bier habe ich aber auch genug von dem lustigen Karneval, und versuche mein Glück mit dem Sessel. Leider verkalkuliert. Das ist kein 2-Bier-, sondern mindestens ein 5 wenn nicht sogar 8-Bier-Sessel. Ausser Jakob schläft heute wieder mal niemand viel, und sogar er träumt unruhig.

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