Wien - Stuttgart

Entgegen allen Unkenrufen schaffen wir die Abfahrt von Wien pünktlich um 8:00. Das Wetter ist gemessen an der Tatsache, dass wir den Tag auf der Autobahn verbringen werden, fein; mit dicken Wolken und zeitweiligem Regen und die 170 Reparaturen die der Wagen im letzten halben Jahr über sich ergehen lassen musste, zeigen etwas Wirkung: der Linksdrall hat merklich nachgelassen und man kann auch wieder jenseits der 100km/h fahren ohne fürchten zu müssen, die Achse auf der Straße zurückzulassen.
Allerdings will ich dieses junge Glück auch nicht über Gebühr strapazieren und bleibe folglich den Großteil der Fahrt zwischen 100 und 110.

Die Reise bis Stuttgart bleibt erwartungsgemäß eher unspektakulär – ein paar kleine Wolkenbrüche, einige Baustellen, tief fliegende deutsche Autofahrer, ein Quotenstau… Nichts also, das uns ernstlich aus der Fassung bringen könnte.

Stuttgart

Stuttgart selbst entpuppt sich dann überraschenderweise als absolut liebreizende Stadt, die scheinbar das Wunder vollbringt zu 95% aus äußerst geschmackvollen und vor allem offenbar recht wohlsituierten Vorstädten zu bestehen. Außer im Zentrum reihen sich hier überall pittoreske Häuschen (oder Herrschaftshäuser) aneinander und vermitteln dem unbedarften Touristen das Gefühl die Stadt will für eine Einbürgerung schon einen eher gediegenen Lohnzettel sehen.
Unser Hotel ist dann auch recht einfach zu finden – man fährt auf der B27 nach Stuttgart ein und folgt selbiger einfach stur geradeaus bis das Camino link erscheint. Arcotel, oder überhaupt Hotel steht zwar aus denkmalschützenden Gründen nicht über der Tür, aber die Fassade ist auch so recht einprägsam und wirklich nicht leicht zu übersehen.
Leider ist uns die Garage dank unserer Dachgalerie verwehrt (mit dem Stahlungetüm messen wir über 2m), aber in einer kleinen, stillen Seitengasse, die, wie wir hoffen, von der örtlichen Polizei nicht allzu häufig frequentiert wird, findet sich noch ein Parkplatz.

Das Problem ist, dass Stuttgart eine Umweltzone ist und abgesehen davon, dass ich kaum wüsste wo ich den Aufkleber verliehen bekommen sollte , der es mir erlaubt in so eine Zone einzufahren, wir für unsere Rosinante vermutlich ohnehin keinen Persilschein betreffend Luftverpestung bekämen. Unser etwas betagter Bus fährt zwar brav, hinterlässt auf seinem Weg aber eine Spur hustender und sterbender Bäume.
Das Hotel selbst ist natürlich über jeden Zweifel erhaben – ausgesprochen schön, luxuriös, sauber und was da noch so an hotelfreundlichen Ausdrücken verwendet werden kann. Und das schreibe ich nicht bloß, weil ich mit der Firma in einem nicht näher zu spezifizierenden geschäftlichen Kontakt stehe stand, sondern aus tiefster Seele und vollster Überzeugung!

Wir spazieren dann noch beim Hinterausgang hinaus, und durch das "Postdörfle" - eine kleine Siedlung direkt an der Rückseite des Hotels, aber dort ist es irgendwie nicht so erquicklich. Überall wird saniert, die ehemaligen Arbeiterquartiere sind bis auf die Außenmauern ausgehöhlt und es steht zu befürchten, dass die eigentlichen Bewohner (offenbar größtenteils Portugiesen), zugunsten finanzstärkerer Bobos hinausrenoviert werden, wenn die Häuser dann endgültig dem neuen Lifestyle geweiht werden.

Wenn man die Siedlung durchquert und der Straße dann nach links folgt, kommt man in der ersten Kehre noch zu einem reizenden in chinesischem Stil errichteten Garten der bis zur Dämmerung geöffnet ist. Er erinnert zwar mehr an Disneys Mulan als an China, aber der Blick über Stuttgart ist von hier wirklich sehr gut.

Abends nehmen wir dann noch ein kleines Bier an der Bar (in der wie in Deutschland neuerdings Usus Rauchverbot herrscht) und dann werfen wir uns in die weichen Betten. Ich fürchte ein 4* Hotel ist der denkbar blödeste Einstieg in einen Urlaub, in dem wir zukünftig vermutlich schon Lobeshymnen auf warmes Wasser und Klopapier anstimmen werden.

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