Pouzac - Canfranc Estacion

Tagwache um 8.00 bei lauschigen 10°C! Ein kurzer Spaziergang lässt mich mit der bitteren Erkenntnis zurück, dass der Ort kein Cafe besitzt (zumindest keines das offen wäre), aber wenigstens kann ich Brot und Croissants finden.

Etwas verfroren brechen wir auf um über die D937 endlich eines der 3 Weltwunder abendländischen Aberglaubens zu bestaunen – Lourdes!

Lourdes

Schnell ist hinter dem Hotel de Ville ein ruhiger Parkplatz gefunden und in Erwartung größerer Pilgerströme besuchen wir die Stadt zu Fuß.

Der Anblick ist fast ein wenig enttäuschend – eine gewöhnliche französische Kleinstadt – vielleicht eine Spur mehr Geschäfte, vielleicht etwas belebter… Aber je weiter man den Schildern „La Grotte“ folgt, desto häufiger werden am Straßenrand die kleinen Andenkenläden in denen man vom Marien-Butterfly-Messer über Rosenkränze bis zu Lourdes-Wasserflaschen (leer) alles erstehen kann. Auch die Menschenmassen werden zusehends dichter. Immer öfter mischen sich von gepflegten Traumschwiegersöhnen & -töchtern in klapprigen Rollstühlen oder Betten geschobene Siechen unter das Volk – bis irgendwann einige hundert Meter vor der Grotte der Wahnsinn vollends aus dem Ruder gerät.

Nur noch seltsame Leute, einige die entgeistert schauen, aber die meisten mit einem leicht verklärten Gesichtsausdruck, als würden sie eben die Mutter Maria persönlich schauen und nicht ihr Plastikkonterfei (1,5m hoch, Made in China um schlappe 79€). Einer dieser Läden rühmt sich sogar, als einziger vom Vatikan autorisiert zu sein diesen Tand zu verkaufen – immerhin tragen die Verkäufer dort Krawatten. Ein weiterer wirbt in roter Leuchtschrift mit seinem Namen: „L’ Eremitage“ (die Einsiedelei); darunter: „man spricht deutsch“.

Am Eingang des Parks hören die Händler dann mit einem Schlag auf. Man kann allerdings noch schnell ein großes personalisiertes Plastikkärtchen kaufen mit dem Konterfei unseres lieben Papstes darauf, welches erstaunlich viele Menschen um den Hals tragen. Wirkt wie eine Eintrittskarte, aber der tiefere Sinn eröffnet sich uns nicht.

Im Park dann Pilger aus aller Herren Länder (viele scheinbar aus Indien & Indonesien), die meisten wider Erwarten auf ihren eigenen Beinen, aber auch genug die geschoben werden. Überall im Park sitzen Priester auf Campingklappschemeln in ziemlich bunten Gewändern, die den Leuten scheinbar im Schnellverfahren eine Art von „Drive-through-Beichte“ abnehmen. Auf der Grotte selbst ist eine Kirche errichtet worden, die von außen wirkt wie gotische Architektur im Schatten des 2. Weltkriegs (sie strahlt die Lieblichkeit und Leichtigkeit eines Bunkers aus). Innen ist der wohl treffendste Begriff: „voll“! Direkt danach sollte man auch „bunt“ erwähnen!

Unter der Kirche schließlich die Grotte selbst, vor der Hunderte anstehen um einmal schnell durchgehen zu können – wie es von außen wirkt, gehen sie nur am Eingang vorbei, aber sicher bin ich mir nicht, da wir uns das wiederum nicht antun wollen. Netterweise hat ein weiser Mann eine Wasserleitung aus der Grotte neben die Kirche gelegt, von der aus man aus zahlreichen Hähnen die vorher erworbenen hohlen Plastikmarien mit abschraubbarer Krone mit echt heilendem Wasser füllen kann.

Zurück im Auto legt Julia „They’re selling Jesus“ von Skunk Anansie ein – sehr passend!

Nach einem kurzen Stau bei der Umfahrung von Lourdes geht es weiter nach Pau. Da wir wieder nach Spanien wollen, suchen wir vorher noch so einen richtig schönen großen Hypermarche um uns vor der Auswahlwüste spanischer Supermercatos mit französischen Spezereien einzudecken. Dort finde ich auch endlich mein langgesuchtes Siemens Autoladegerät (mein Handyakku ist schon seit ca. 1 Woche leer), muss aber feststellen, dass sie hier 17€ für ein drittklassiges Ding wollen das ich zu Hause wahrscheinlich um 5 bekommen würde. Die Preise für Elektronik sind in Frankreich nicht eben erhebend.

Danach reicht’s für heute mal mit den diversen Einkaufstempeln und wir nehmen die Fahrt Richtung Süden und Berge auf. Später, bei einer kleinen Kaffeepause scheint es fast, als wäre uns der Wettergott wieder gewogen und zum ersten Mal seit Tagen wage ich kurze Hosen und Sandalen.

Die Gegend wird jetzt schnell wieder schöner als wir uns dem Pyrenäenhauptkamm nähern und Julia findet während der Fahrt die Beschreibung eines Dorfes in unserem Reiseführer das, kaum 5km neben unserer Route, angeblich zu den schönsten Bergdörfern zählen soll. Also biegen wir kurz ab um zu sehen, was die angebliche Perle der Pyrenäen so zu bieten hat. Die Straße windet sich, von Schotterhaufen eingegrenzt, steil in die Berge um an einem kleinen Dorf, eingebettet in eine wunderschöne schroffe Landschaft, zu enden.

Das Dorf selbst sieht am Ortseingang noch nicht sonderlich berauschend aus, und mehr sehe ich dann auch nicht, da offenbar zu viele Reiseführer von diesem versteckten Kleinod berichtet haben. Schon 100m vor den ersten Häusern parken Autos an der Straße und im Ort ist eine Durchfahrt zwischen den eng geparkten Fahrzeugen kaum mehr möglich. Allerdings sind kaum Menschen zu sehen. Trotzdem fürchte ich, in einer verstellten Sackgasse zu landen, wenn wir weiterfahren und nachdem Julia, die kurz vorgeht berichtet dass das Dorf um die nächste Kurve weder schöner, noch die Autos weniger werden, drehen wir am letzten möglichen Platz um und lassen die Perle Perle sein.

Canfranc Estacion

Zurück auf der Straße fallen wir durch den Somport-Tunnel wieder in Spanien ein um direkt nach Verlassen des Tunnels (ca. 20m nach dem Ausgang!) eine scharfe 180° Kurve in Richtung Canfranc Estacion zu nehmen.

Der enorme Bahnhof wird leider gerade renoviert und ist deshalb nur zur Hälfte zu sehen und liegt auch nicht ganz so verlassen in den Bergen wie die Fotos in Reiseführern gerne glauben machen wollen. Es sollte einen stutzig machen wenn alle Fotos aus einer Richtung geschossen worden sind. Trotzdem ist das ungeheure Bauwerk sehr faszinierend und alle 10m findet sich irgendwo ein wunderbares Fotomotiv.

1,5 km nördlich von Canfranc Estacion finden wir dann auch einen Campingplatz den man unbedingt empfehlen kann. Er ist auf Terrassen angelegt, von denen aus man ein atemberaubendes Panorama genießen kann – der Besitzer (mit unnachahmlicher 30-Jahre-lang-60-Filterlose-täglich-Stimme) betreibt außerdem eine kleine Bar, die nicht nur Abends lange offen und Morgens früh wieder aufgesperrt ist, sondern auch dank alter, manueller italienischer Espressomaschine den bislang besten Kaffee der Reise für 1€ anbietet.

Der Sternenhimmel ist des Nächtens hier beeindruckend – die Temperaturen leider auch. Um 20h ist das Thermometer bereits auf 13°C gefallen - ohne Anstalten zu machen, damit aufhören zu wollen. Als wir gegen 24h ins Bett gehen, halten wir bei 10°C, Tendenz steil bergab. Julias aktueller Stand der Schlafmode erreicht neue Höhen: Socken, Hose, T-Shirt, 2 Pullover, Decke, indisches Tuch, Leintuch & Schlafsack. Ein wenig mache ich mir Sorgen sie erstickt irgendwann, erdrückt von ihren Gewändern. Allerdings nehme auch ich heute Pullover & Hose mit ins Bett.

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