Prades – Ille sur Tet

Wir verlassen Prades relativ zeitig wieder Richtung Osten, da wir uns nach ein wenig hin und her, welches Kloster wir sehen wollen, für das Prieure de Serrabone entschieden haben. Bei Bouleternère biegt man rechts auf die D618, und nach ein paar km ist wieder rechts die Straße zum Kloster gut ausgeschildert.

Leider wird das Kloster offenbar auch in einigen niederländischen Reiseführern erwähnt. Leider ist die Straße ausgesprochen eng, steil und kurvig. Leider ist das eine schlechte Mischung! Nachdem ich jeden Holländer in einem dicken SUV, welcher die Straße in voller Breite als sein Eigentum ansieht, zu ewiger Verdammnis verflucht habe (also fast alle, die uns begegnet sind), erreichen wir einen schiefen Parkplatz von welchem man noch ca. 3 min. bis zum Kloster läuft.

Die Abtei selbst ist klein aber wunderschön und die 4€ Eintritt allemal wert. Umgeben von einem großen aber sehr trockenen Kräutergarten kann sie zwar nicht mit beeindruckender Linienführung oder einem pompösen Tymphon aufwarten, aber witziger weise mit wunderschönen Säulenkapitellen, die Motive der Apokalypse zeigen. Beeinflusst von mediterranen und irischen Motiven, eine wirklich atemberaubende Arbeit.

Nach der Besichtigung und einem kurzen Spaziergang durch die Umgebung geht es weiter nach Süden.

Gorges de la Fou

Bei Arles sur Tech soll es eine ganz besondere Klamm geben – die Gorges de la Fou. Ein leicht gestresster Parkplatzmeister weist uns einen Standplatz zu, den ich sicher nicht guten Gewissens gewählt hätte (genau neben der Straße, in der Kurve!) und wir bewegen uns am Besucherzentrum vorbei Richtung Eingang zur schmalsten Schlucht der Welt.

Nach dem Eintrittsgeld bekommt man einen gelben Bauarbeiterhelm verpasst und kann sich dann auf den 3km langen Spaziergang über einen aus Stahlgitter gebildeten bequemen Steig unterbrochen nur von zahlreichen Stufen und einigen Rastplätzen durch die Gorges bewegen. Die Enge und Höhe hier sind wirklich atemberaubend, so dass man stellenweise wenn man die Arme austreckt beide Seitenwände berührt – und das in einer Tiefe von bis zu 250m!

Castelnou

Nach dem Besuch fahren wir weiter Richtung Thuir von wo die D48 nach Castelnou wegführt.

Castelnou ist ein wunderschönes, kleines, mittelalterliches Dörflein mit einer Burg darüber, durchzogen von winzigen Gässchen, dass eigentlich nur aus sorgsam renovierter und gepflegter Altstadt besteht. Das Ganze wirkt ein wenig wie eine Minimundusfassung von Carcasonne. Leider gibt es auch hier relativ viele Touristen, die ihre relativ vielen Autos auf relativ abenteuerliche Weise auf die wenigen Parkplätze am Ortsrand verteilen. Aber alles in allem bleiben Andenkenläden und dergleichen halbwegs im Rahmen oder fügen sich zumindest unauffällig ins Ortsbild. Zwar sind es nicht eben wenige, aber zumindest wirken sie von außen nicht allzu aufdringlich.

Thuir

Von Castelnou soll uns dann die letzte Etappe des Tages ans Mittelmeer führen (tunlichst vorbei an einem Bankomaten, einem Hypermarche und einer Tankstelle). Nachdem die Beschilderung in Thuir etwas wirr ist, führt unser Weg ins Zentrum wo wir uns entschließen gleich Geld abzuheben (unsere Barschaft ist inzwischen auf 50€ geschrumpft).

Ein witziges und auch bislang unerwähntes Detail französischer Bankomaten ist die Tatsache, dass sie, anders als in heimatlichen Gefilden, nach der Codeeingabe eine weitere Bestätigung per OK-Taste verlangen – ein anderes witziges Detail ist, dass vor allem ältere Bankomaten darauf nicht explizit hinweisen. Und nachdem ich mich schon wundere wie lange der Apparat benötigt meinen Code nach der Eingabe zu verifizieren, spuckt das Ding plötzlich einen Zettel aus auf dem mir lapidar erklärt wird, dass meine Karte nach einem Timeout erstmal sicher im Gerät verwahrt bleibt.

Ich fasse zusammen: Es ist Freitagnachmittag, der Tank ist bestenfalls halbvoll, wir verfügen über 50€ Barschaft und meine Bankomartkarte - die einzige Quelle für Geld die wir besitzen – steckt in einem Gerät mit dem sich schwerlich verhandeln lässt.

Als einzig vernünftige Antwort auf diese etwas unglückliche Situation tun wir, was intelligente Menschen in dieser Lage tun sollten – wir starren uns gegenseitig ein paar lange Sekunden blöd an und warten darauf, dass die Zeit sich zurückdreht.

Leider sickert recht bald in unser Bewusstsein dass das 1.) Nicht passieren wird, und wir 2.) unter Umständen ein Problem haben könnten. Ohne Geld im Ausland zu sitzen habe ich auf diversen Interrail-Trips in England und Schottland schon mehrfach geprobt, aber bislang war der Auftrag immer nur meinen Kadaver nach Hause zu schaffen – diesmal habe ich plötzlich ein Auto dabei. Natürlich können wir bis Montag in Thuir warten und dann die Karte aus der Bank holen, aber wie immer fehlt in solchen Situationen der objektive Blick und wenn der Bankomat die Karte frisst erwartet man eigentlich, dass der kleine Mann, der normalerweise in der Maschine sitzt und das Geld druckt, sofort zu seiner Schere greift und die Karte in handliche Schnipsel zerlegt. Mit solcherart beruhigenden Gedanken im Kopf machen wir uns also auf in Thuir einen Campingplatz zu suchen um den Montag abzuwarten.

Eine Dreiviertelstunde und eine Unzahl Kreisverkehre später müssen wir uns wohl eingestehen, dass wir zwar Thuir jetzt besser kennen als Wien, aber es trotz meiner Beteuerungen einen gesehen zu haben keinen Campingplatz hier gibt. Inzwischen bin ich geringfügig frustriert und schon leicht reizbar aber Julia behält wenigstens die Nerven und bei Runde 15 durch die campingplatzfreie Stadt entdecken wir ein Schild: „Camping 4,5km“.

Der Platz an der D612 entpuppt sich als äußerst entrisch – nur Dauercamper, viele recht verwahrlost und vor allem niemand im Büro. Das Ganze erinnert auf alle Fälle viel stärker an einen US Trailerpark als an einen europäischen Campingplatz. Es gibt zwar eine Gegensprechanlage am Tor, deren Benutzung führt allerdings, außer einigen unterhaltsamen Fiep-, und Pfeiftönen zu keiner sinnvollen Reaktion. Nach einigen Versuchen meldet sich dann doch eine Stimme und eine Frau erscheint nach kurzem Gespräch um uns einzuweisen.

Es wäre günstig, aber wie die seltsame Dame in komischem Französisch durch die Ruinen ihrer Zähne erklärt, muss ich unbedingt einen kleinen RFID-Anhänger nehmen damit ich das Tor jederzeit öffnen kann. Blöd nur das sie dafür 50€ Einsatz will, und alle Versuche ihr klarzumachen, dass wir ohnehin bis Montag nicht mehr raus fahren wollen, laufen irgendwie ins Leere. Aber wie sie mir ebenfalls versichert, gibt es noch einen Platz in Ille sur Tet – bei den Orgelpfeifen, wo wir bereits waren.

Ille sur Tet

Große Wahl haben wir ohnehin nicht, also fahren wir wieder mal weiter auf die N116 und nach Ille sur Tet, wo es tatsächlich noch einen günstigen Platz gibt.

Daran, dass wir die einzigen echten Camper – also solche die sich von Zeit zu Zeit auch mal bewegen – sind, sind wir ohnehin schon gewohnt, aber hier ist es schon fast beängstigend. Die meisten Caravans sind schon fest im Boden verankert, die schweren Fälle bereits von einer aggressiven Phalanx aus Gartenzwergen bewacht.

Nach einem kleinen Abendessen entschließen wir uns dann noch zu einem Spaziergang in den Ort, da uns zu allem Überfluss auch noch der Tabak ausgegangen ist und dringend Nachschub an Zigaretten her muss.

Nach einer Stunde Wanderung durch Ille sur Tet sind wir um folgende Erfahrungen reicher: Es gibt dort 2 Plätze, die auch Nachts noch belebt sind, abseits davon ist der Ort ruhig - unglaublich ruhig; die Altstadt ist des Nächtens nicht nur sehr ruhig, sondern bereits beklemmend (leere enge Gassen, kaum Menschen, keine Geschäfte, seltsame Geräusche und atonale Blockflötenmusik aus unbeleuchteten Seitengassen – H.P. Lovecraft wäre hier in Verzückung geraten); an keinem dieser Orte werden Zigaretten feilgeboten; nach der 3. Runde ist es nicht mehr möglich, die Position des Campingplatzes exakt zu bestimmen!

Glück im Unglück das uns ein einsamer Spaziergänger den Weg doch noch weisen kann und wenn wir auch noch immer keine Zigaretten haben – wenigstens haben wir zurückgefunden – und ich bin geneigt, das wenigstens als Etappensieg zu verbuchen.

Im Endeffekt trinken wir zu viel Pastis und gehen ins Bett um diesen erfolgreichen Tag zu beenden bevor bei unserem derzeitigen Glück noch die Gaslampe explodiert oder dem Auto unvermittelt alle 4 Räder zugleich abfallen.

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